Voll abhängig

MULTIMEDIA-REPORTAGE & TEXT:

Malawi ist abhängig vom Tabak. Das „grüne Gold“ beschert dem kleinen Land wichtige Einnahmen – und viele Probleme. Die Regierung will weg vom Tabak. Doch die Tabakindustrie steht im Weg – begünstigt von einem milliardenschweren Entwicklungsprogramm, das auch mit deutschem Steuergeld finanziert wird.

Eine multimedia-Version dieser Geschichte ist im fluter erschienen:

Hier der Text, zuerst erschienen auf Correctiv.org:

Erisa Chisenga raucht nicht – trotzdem wird er am Ende dieses Tages so viel Nikotin in seinen Körper aufgesogen haben wie ein Kettenraucher. Es ist Erntezeit in Machokero, einer Streusiedlung zwischen sanften Hügeln im Westen Malawis. Am Horizont erheben sich einzelne Berge wie Zuckerhüte. Schulterhoch steht der Tabak auf den Feldern. Jeden Tag streift Erisa Chisenga nun durch sein 100 mal 100 Meter kleines Feld. Sein Hektar Hoffnung. Blatt für Blatt rupft Chisenga von den Pflanzen, bis nur noch deren Stängel übrig bleiben. Ob sich die Mühe gelohnt hat, wird sich erst entscheiden, wenn die Ernte in der Auktionshalle zum Verkauf ausliegt. Bis dahin hofft Chisenga. Hofft auf günstiges Wetter und gute Preise für seine Ernte.

Nach der Arbeit auf dem Feld sitzt er auf einer Bambusmatte im Schatten seiner Ernte. Unter einem Dach aus Plastikfolie, gedeckt mit Stroh, trocknet der Tabak. Tausende hellbraune Blätter hängen über Chisengas Kopf, wie eine Kolonie schlafender Fledermäuse. Mit in einer Stricknadel spießt Chisenga die frisch geernteten Blätter auf, zieht einen Schilfhalm hindurch und verknotet sie zu Bündeln, die er zum Trocknen aufhängt. So geht das den ganzen Nachmittag.

© Chris Grodotzki

An Erntetagen hat der Tabakbauer Erisa Chisenga oft Kopfschmerzen – über die Haiut gelangt viel Nikotion in seinen Körper. Foto © Chris Grodotzki

Seinen Tabak rauchen? Auf die Idee würde Chisenga niemals kommen. Rauchen ist ungesund, sagt er. Doch er ahnt, dass allein die Arbeit mit dem Tabak seine Gesundheit schädigt. Vom Nervengift Nikotin hat der Tabakbauer noch nie gehört. Er weiß nur, dass seine Haut nach einem langen Tag auf dem Feld juckt und dass er oft mit starken Kopfschmerzen nach Hause zurückkehrt. Andere Tabakbauern klagen über Herzrasen, über Übelkeit und Durchfall. Ärzte nennen das die Grüne Tabakkrankheit: Tabakbauern ohne Schutzkleidung können an einem Erntetag über die Haut so viel Nikotin aufnehmen, als rauchten sie 50 Zigaretten. Manche Tabakbauern tragen langärmlige Hemden, um direkten Hautkontakt mit den Tabakblättern zu vermeiden. Allerdings zeigen Studien, dass dies kein wirklicher Schutz ist. Im Gegenteil: feuchte Kleidung wirkt wie ein Schwamm, der noch mehr Nikotin aufsaugt und dieses an die Haut weitergibt.

Besonders gefährdet sind Kinder. Malawi gilt als das Land mit der höchsten Rate an Kinderarbeit in ganz Afrika. Die Kinderschutzorganisation PLAN schätzt, dass auf Malawis Tabakfeldern 78.000 Kinder schuften. Sie müssen ihren Eltern helfen, erwachsene Erntehelfer könnten die nicht bezahlen. Schutzkleidung werden wir während unserer Recherche nirgends sehen, auch nicht auf den größeren Plantagen, die wir besuchen.

Für die einen ist Tabak ein Genuss- und Suchtmittel. Für die anderen – jene rund 400.000 Bauern in Malawi etwa – bedeutet er harte, gesundheitsschädliche Arbeit. Malawi gehört zu den wichtigsten Anbauländern der Welt, bei Burley-Tabak, einer Sorte, die fast jeder Zigarette beigemischt wird, ist Malawi Weltmarktführer. Deutschland ist der größte Zigarettenexporteur der Welt. Im vergangenen Jahr haben hier ansässige Konzerne Tabak im Wert von rund 93 Millionen Euro aus Malawi eingeführt.

Malawi ist bitterarm – und abhängig vom Tabak. Die Hälfte der gut 16 Millionen Einwohner lebt von weniger als einem Dollar am Tag. Rund jeder Zehnte hungert, fast jedes zweite Kind ist wegen Mangelernährung unterentwickelt. Die Bevölkerung wächst stark, das verschärft die Not. Um alle zu ernähren, braucht die Regierung Devisen. Bis zu zwei Drittel davon erwirtschaftet der Tabak.

Diese Abhängigkeit kann sich leicht rächen. 2011 brachen auf dem Weltmarkt die Preise für Tabak ein – und mit ihnen die Deviseneinnahmen Malawis. Ohne Devisen keine Importe. Vor allem Benzin war bald Mangelware, tagelang fuhr kaum ein Auto. Die Preise für Brot, Milch und Mais explodierten. Es kam zu Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei, mindestens 19 Menschen starben. Der Tabak, von vielen Ökonomen als cash crop gefeiert, als gewinnträchtiger Exportschlager, erwies sich als crash crop, das mindestens eine Teilschuld an der Staatskrise trug.

Das kleine Land steckt in einem großen Dilemma: Wie rauskommen aus der Abhängigkeit vom Tabak, der bislang die wichtigste Einnahmequelle ist?

Malawis Regierung hat den Entschluss gefasst, die Landwirtschaft zu diversifizieren. „Der Tabak ist dem Untergang geweiht“, sagt Goodall Gondwe, der Finanzminister, in seinem kahlen, von Neonröhren erhellten Parlamentsbüro. Tabak sei in Malawi ein „political crop“, sagt Gondwe, eine Pflanze als Politikum. Traditionell eröffnet der Präsident von Malawi die jährliche Tabakauktion. Das ist in etwa so, wie wenn der Bürgermeister auf dem Oktoberfest das erste Bierfass ansticht. Wenn die Auktionshalle ihre Tore öffnet, stauen sich die Laster mit dem Tabak kilometerlang durch die Hauptstadt Lilongwe. Der Trubel zur Erntezeit dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Malawi auf andere Produkte setzen müsse, betont Gondwe. Soja zum Beispiel sei auf dem Weltmarkt gefragt. Gondwe träumt vom Absatzmarkt Indien. Das hungergeplagte Malawi als Kornkammer für die Boomwirtschaft Indien?

Die Tabakindustrie hält an ihrem Rohstoff als Heilsbringer für Malawi fest. Um Malawis Exitstrategie aus dem Tabak zu untergraben, scheint die Tabakindustrie nun ausgerechnet in einem großem Entwicklungsprogramm einen Verbündeten gefunden zu haben.

2012 haben die G8 – die Gruppe der führenden Industrienationen und Russland – die New Alliance for Food Security and Nutrition (NAFSN) gegründet, die „Neue Allianz für Ernährungssicherheit und Ernährung“. Das Ziel: Binnen zehn Jahren in zehn afrikanischen Ländern 50 Millionen Menschen aus der Armut und somit vom Hunger befreien. Das Rezept: Public Private Partnerships, kurz PPP, gemeinsame Investitionen von Staat und Wirtschaft.

Mit dabei sind multinationale Großkonzerne wie Nestlé, Heineken, Coca-Cola, Bayer, Syngenta und Monsanto – und in Malawi pikanterweise auch die US-amerikanischen Konzerne Alliance One und Universal Corporation, die den Markt für Rohtabak quasi unter sich aufteilen.

Die an der New Alliance beteiligten Unternehmen wollen nach eigenen Angaben 10 Milliarden Dollar in Afrikas Landwirtschaft investieren. Eine grüne Revolution soll es werden. Davon soll die lokale Bevölkerung profitieren, versprechen die Initiatoren der New Alliance, in Malawi etwa wolle man 1,7 Millionen Menschen helfen. Wie genau diese Zahlen zustande kommen, verraten die Verantwortlichen allerdings nicht. Die Berechnungen orientieren sich an Prognosen, die von einem postiven Effekt der Investitionen auf Malawis Wirtschaftswachstum ausgehen. Davon werde in der Logik der New Alliance zwangsläufig auch die Bevölkerung profitieren. Kritiker sagen: Die Zahlen wirken, wie aus der Luft gegriffen. So scheint auch völlig offen, ob die Investitionen tatsächlich der Bevölkerung zu gute kommen. Gesichert dürfte lediglich sein, dass die beteiligten Unternehmen ihre Vorhaben für profitabel halten – andernfalls würden sie kaum Milliarden investieren.

Was für Investitionen sind das? In Malawi will der US-Riese Alliance One Tabakforschungsinstitute gründen und seinen Landbesitz verdreifachen, von aktuell 61.000 auf 181.000 Hektar bis 2022. Damit sollen auch die Tabakexporte des Unternehmens weiter steigen. Es wäre das komplette Gegenteil dessen, was Malawis Regierung anstrebt: Die Diversifizierung der Landwirtschaft und den Ausstieg aus dem Tabak.

Nachfrage bei Alliance One. Ist Malawi nicht jetzt schon zu abhängig vom Tabak? Ja, sagt Ronald Ngwira, Produktionsmanager des Unternehmens. Die Lösung sei aber nicht, das Land komplett vom Tabak abzubringen. Das Stichwort laute: „Diversifizierung mit Tabak“, also der Anbau auch anderer Produkte. Verschärft der Tabak das Hungerproblem? Ngwira ist eloquent, charismatisch. Er stellt eine Gegenfrage: „Sind wir eine Tabakfirma oder eine Nahrungsmittelfirma?“ Alliance One gibt den Bauern auch Saatgut und Dünger für Mais – ebenfalls auf Kredit. Das Unternehmen sorge also indirekt auch für den Nahrungsmittelanbau. Mit der Tabakindustrie gegen den Hunger? Saufen für den Regenwald, Rauchen für Malawi?

Für die Umsetzung der New Alliance in Malawi ist die Europäische Union zuständig. Die Grünen-Abgeordnete Maria Heubuch wurde vom Ausschuss des EU-Parlaments beauftragt, Bericht zu erstatten. Heubuch empfiehlt der EU, aus der Initiative auszusteigen. Denn sie bezweifelt „die Fähigkeit großer Public Private Partnerships wie der New Alliance, zur Armutsreduzierung und Ernährungssicherung beizutragen, da die Ärmsten die Hauptleidtragenden sozialer und ökologischer Risiken dieses Vorhabens zu werden drohen“. Heubuch sagt, die New Alliance sei „ein Türöffner für Konzerne“ – zum Schaden der Ärmsten.

Die Initiative sei viel zu intransparent, da die Absichtserklärungen der beteiligten Unternehmen nicht öffentlich einsehbar seien – nicht einmal für EU-Abgeordnete wie sie. So sei es unmöglich, die Investitionen der Unternehmen und deren vermeintlichen Nutzen für die Bevölkerung nachzuvollziehen. Heubuch verweist auf einen Fall in Malawi, der zeigt, dass sich die ursprünglichen Absichtserklärungen der Unternehmen durchaus ändern können. Das Unternehmen Mpatsa Farms Ltd beteiligte sich an der New Alliance mit dem Vorhaben, Reis, Baumwolle, Soja und Mais anzubauen. Wenig später hatte Mpatsa Farms jedoch offenbar ein profitableres Geschäftsfeld ausgemacht: Das Unternehmen „wechselte von Reis und Baumwolle auf den Anbau von Tabak, aufgrund besserer Preise“, wie aus einem Fortschrittsbericht der New Alliance für Malawi von 2014 hervorgeht. Für den Tabakanbau verdreifachte Mpatsa Farms demnach sogar die ursprünglich vereinbarten Flächen.

Die deutsche Regierung beteiligt sich mit 500 Millionen Euro an der New Alliance. Das Geld kommt vom Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). Ein Sprecher des Ministeriums teilt auf Anfrage mit: “Das BMZ leistet keine Unterstützung für die genannten Unternehmen Limbe Leaf, Mpatsa Farms und Alliance One und kooperiert auch nicht mit ihnen im Rahmen seiner Programme. Diese Unternehmen haben im Rahmen des Neuen Allianz-Kooperationsabkommens mit dem Partnerland Malawi die Intention bekundet, mit eigenen Mittel in die landwirtschaftliche Produktion in Malawi unter anderem bei Mais, Reis und Soja zu investieren. Die Umsetzung dieser Investitionen unterliegt den von der malawischen Regierung gesetzten rechtlichen Rahmenbedingungen.”

Die Frage, ob eine Zusammenarbeit mit der Tabakindustrie in Malawi vertretbar sei, umgeht das Ministerium. Dabei hat man dem Tabak in Malawi eigentlich den Kampf angesagt. Das BMZ fördert – über die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – ein Diversifizierungsprogramm für Malawis Tabakbauern. Es soll Bauern helfen, umzusteigen auf Soja, Sonnenblumen oder Erdnüsse. Einerseits unterstützt Deutschland also indirekt – über seine Beteiligung an der New Alliance – den Tabakanbau. Andererseits will man Bauern beibringen, weniger Tabak anzubauen. Wie passt das zusammen?

Das wollen wir von der GIZ erfahren. Das „countryside office“ der GIZ liegt in einer schattenspendenden Allee in einem der reichen Vororte Lilongwes. Nebenan residiert die US-Botschafterin. Tausende freiwillige und hauptberufliche Entwicklungshelfer arbeiten in Malawi. Westliche Entwicklungsgelder sind nach dem Tabakexport die zweitwichtigste Einnahmequelle des Landes. Die Expats beleben ganze Wirtschaftszweige: den Immobilienmarkt, westliche Restaurants, Fahrzeugimporte, vor allem bullige Geländewagen, dazu Fahrer und Dolmetscher.

Bedienten Entwicklungshelfer früher das Klischee vom Aussteiger in Funktionskleidung oder Ethno-Stoffen mit Batikmuster, so dominiert heute der Typ Manager. Der Länderdirektor der GIZ in Malawi, Matthias Rompel, trägt ein luftiges Hemd. Zu Trinken gibt es Kaffee aus einem Fairtrade-Projekt der GIZ. Aus agriculture soll agribusiness werden, zum Nutzen der Kleinbauern, so Rompel. Die GIZ versteht sich als “Partner der Kleinbauern und des privaten Sektors.” Weil man “der Wirtschaft auch ohne Beitun der Regierung helfen kann”, erklärt Rompel.

Die GIZ arbeitet mit dem landwirtschaftlichen Institut ARET zusammen, dem „Agriculture Research and Extension Trust“. Es wurde gegründet von der malawischen Regierung – und der Tabakvereinigung des Landes (TAMA). ARET bringt neue Tabaksorten auf den Markt und Bauern bei, wie sie Tabak anbauen. GIZ-Länderchef Rompel sagt dennoch: „Die GIZ arbeitet nicht mit der Tabakindustrie zusammen.“ Dabei dreht sich bei ARET eigentlich alles um Tabak – bisher. Denn auch ARET verfolgt eine „Diversifizierungsstrategie“. Zumindest auf dem Papier. Darin heißt es, dass neben Tabak zukünftig auch andere Produkte gefördert werden sollten. ARET hat sich nach eigenen Angaben bei der Erstellung seiner Diversifizierungsstrategie unter anderem von der Tabakindustrie beraten lassen.

Tatsächlich geht es in ARETs Definition von Diversifizierung nicht darum, den Tabakanbau komplett durch andere Produkte zu ersetzen. Stattdessen sollen Ölsaaten zusätzlich zum Tabak angebaut werden. Unter anderem heißt es in ARETs Diversifizierungspapier: „Der Anbau von Sonnenblumen auf Tabakfarmen soll gefördert werden.“ Überhaupt eignen sich Ölsaaten laut ARET gut, um den Bauern über das ganze Jahr eine Einkommensquelle zu bieten – in der Zeit, nachdem der Tabak geerntet ist.

Bislang müssen Tabakbauern ein Prozent ihres Einkommens an ARET abführen. Das Institut finanziert sich also durch einen Sektor, dessen Bedeutung man herunterfahren will. Die Verantwortlichen sind sich dieses Widerspruchs wohl bewusst. In einer Selbstdarstellung des Instituts heißt es: Dank der Diversifizierungsstrategie der Regierung könne man nun auch auf traditionelle Spendengeber zugehen. Es habe sich für „ARET ein Fenster geöffnet, um an Gelder zu gelangen, die für eine Einrichtung im Tabaksektor eigentlich eine No-Go-Zone wären.“

Ob damit auch Zuwendungen aus Deutschland gemeint sind? Im vergangenen Jahr engagierte sich die GIZ mit 140.000 Euro bei ARET, die Zusammenarbeit soll bis 2019 verlängert werden. Mit dem Geld hat die GIZ unter anderem fünf Prozent der ARET-Mitarbeiter im Ölsaatenanbau geschult. ARET selbst gibt jedoch zu, dass es noch „großen Bedarf gibt“, das restliche ARET-Personal von der Diversifizierungsstrategie zu überzeugen.

Ein weiteres Problem: Funktionierende Exportketten gibt es bisher nur für Tabak. Malawi ist ein Binnenstaat, alle Waren müssen über Grenzen und schlechte Straßen zu den Häfen Mosambiks oder Südafrikas transportiert werden.

Doch selbst wenn es den malawischen Bauern gelänge, sich auf diesen Märkten zu etablieren – dann gehen auch diese Lebensmittel in den Export. Wird so der Hunger in Malawi gelindert? Ja, sagen GIZ und New Alliance: Wer cash crops verkauft, verdient mehr, wer mehr verdient, kann sich mehr Essen kaufen. Es sei richtig, nicht auf Selbstversorgung zu setzen, sondern für den Weltmarkt zu produzieren.

Nein, widerspricht die Nichtregierungsorganisation UnfairTobacco: Wo Tabak wachse, sei kein Platz für Nahrungsmittel. In Malawi könnten 750.000 Menschen mehr ernährt werden, wenn auf den Tabakfeldern Lebensmittel angebaut würden.

Realitätsabgleich beim Tabakbauern Erisa Chisenga. Er muss aufpassen. Findet der Tabakhändler zwischen den Blättern auch nur einen einzigen Plastikfetzen, kann er die gesamte Ernte zurückweisen. Dann bleibt der Bauer auf einem Haufen Tabak und einem noch größeren Haufen Schulden sitzen. Würde er Mais anbauen und diesen nicht loswerden – er könnte ihn immer noch selbst essen.

Machokero, der Name des Dorfes, in dem Chisenga mit seiner Frau und den fünf Kindern lebt, bedeutet auf der Landessprache Chichewa: Der Grund, weshalb du gingst. Jungs hüten Ziegen, Mädchen helfen im Haushalt, statt in die Schule zu gehen. Der Tabak sollte eine bessere Zukunft für seine Familie bringen. Auch Erisa Chisenga ließ sich locken vom vermeintlich schnellen Geld. Zwei Drittel der Tabakernte in Malawi produzieren Kleinbauern wie er. Die armen Bauern benötigen kaum Geld zum Start: Die Tabakkonzerne geben ihnen Saatgut und Pestizide auf Kredit. Wie viel sie den Unternehmen schulden (und wie viel die einzelnen Posten Wert sind) erfahren die Bauern erst beim Verkauf ihrer Ernte. Die Kredite werden ihnen vom Verkaufserlös direkt abgezogen.

Die Kredite werden fällig, wenn der Tabak exportiert wird. Dann fließen vergleichsweise viele Devisen ins Land, und der Malawi-Kwacha wird aufgewertet. Für die Bauern bedeutet das: Sie müssen mehr Kwacha zurückzahlen, als sie sich ursprünglich geliehen hatten. So geht ihnen viel vom erhofften Gewinn verloren. Die Tabakunternehmen hingegen profitieren.

Die Kredite vergeben die Unternehmen an sogenannte “farmers clubs”. Was nach Gewerkschaft organisierter Bauern klingt, ist eine Erfindung der Rohtabakhändler. “Farmers Clubs” sind Zusammenschlüsse von mindestens zehn Tabakbauern, die meist im selben Dorf wohnen. Bei den schlechten Lieferwegen ist es effizienter, Dünger und Pestizide für zehn Bauern auf ein Mal an einen Ort zu liefern, statt jeden Bauern einzeln zu beliefern. Auch Schulungen für Tabakbauern lassen sich auf diese Weise einfacher organisieren. Dasselbe gilt für den Abtransport der Ernte, der zentralisiert pro „farmers club“ erfolgt. Für den Transport per Lkw zur Auktionshalle zahlen die Bauern übrigens selbst. Auch diese Kosten werden ihnen vom Verkaufserlös ihrer Ernte abgezogen. Zudem dienen die “farmers clubs” den Tabakhändlern als Absicherung. Wenn sich ein Bauer verschuldet und den Kredit nicht zurückzahlen kann, werden die Schulden von den anderen Mitgliedern des “farmers clubs” eingetrieben, indem die Unternehmen die Schulden des einen Bauern den anderen von ihren Ernteverkaufspreisen abziehen.

Erisa Chisenga hat nur ein Mal in fünf Jahren einen kleinen Gewinn gemacht – wenn er seinen enormen Arbeitsaufwand nicht einrechnet. In all den anderen Jahren hat er umsonst geschuftet – und dabei seine Gesundheit gefährdet. In diesem Jahr hat Alliance One seine Ernte für einen Dollar pro Kilo abgekauft. Chisenga hat wieder keinen Profit gemacht, im Gegenteil: Am Ende fehlten ihm 235 Dollar, um die Kredite komplett zurückzahlen zu können. Nicht sein Gewinn, sondern seine Schulden sind gewachsen. Er wird weiter hoffen. Auf die nächste Saison.

Diese Recherche ist in verschiedenen Fassungen beim Correctiv und im fluter erschienen.

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