Sambias vergessenes Raumfahrtprogramm: Cristina de Middels Bildband “Afronauts”

Aberwitzige Abschussmechanismen und ambitionierte Ziele: Mitten im Kalten Krieg tüftelt eine Gruppe ehrgeiziger Idealisten an Sambias Raumfahrtprogramm. Fotografin Cristina de Middel hat den “Afronauts” einen Bildband gewidmet.

1964, der Wettlauf ins All ist längst zum Prestigekampf des Kalten Kriegs avanciert, erlangt Sambia die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht. In dieser euphorischen Aufbruchsstimmung, maßgeblich von post-kolonialen Diskursen und oftmals grenzenlosem Selbstbewusstsein geprägt, kommt Edward Makuka Nkoloso eine kuriose Idee:

Noch bevor den USA oder der Sowjetunion der entscheidende Schritt gelingt, will Nkoloso eine Mission von „Afronauts“ ins All befördern – erst auf den Mond, danach zum Mars.

Fest entschlossen gründet Nkoloso, ein Unabhängigkeitskämpfer und Grundschullehrer für Naturwissenschaften, eigenhändig die National Academy of Science, Space Research and Philosophy. In Sambia leben zu diesem Zeitpunkt etwas mehr als 3,6 Millionen Menschen. In der langjährigen Siedlerkolonie gibt es unter der schwarzen Bevölkerung knapp 1500 High School-Abgänger und weniger als hundert mit einem College-Abschluss.

Obwohl sich die junge sambische Regierung distanziert und auch die Mehrheit der Bevölkerung vor allem Spott für sein Vorhaben übrig hat, ernennt Nkoloso sich selbst zum Minister für Raumfahrt.

Auf einer verlassenen Farm außerhalb der Hauptstadt Lusaka beginnt Nkoloso sein Ausbildungsprogramm für elf weitere Afronauts. Sie lernen, auf den Händen zu laufen, weil Nkoloso überzeugt ist, auf der Mondoberfläche sei dies die einzig mögliche Fortbewegungsart.

In Holzfässern rollen die angehenden Afronauts steile Hügel herunter, erdulden in ihren einheitlichen Anzügen und mit schweren britischen Armeehelmen auf den Köpfen hartes körperliches Training, praktizieren mehrere Stunden am Tag eigenartige Rituale – alles zur Vorbereitung auf ihre glorreiche Reise ins All. In die Rakete aus alten Ölfässern, die kaum drei Meter hoch und schmal wie eine Konservendose ist, werden die Afronauts von ihrem Team per Hand hineingehievt.

Nkoloso und seine Afronauts scheinen startklar. Alles was sie jetzt noch brauchen, ist ein Kredit von der UNESCO in Höhe von sieben Millionen sambischen Pfund (und Treibstoff aus den USA) für ihr – inoffizielles – Raumfahrtprogramm. In einem Leitartikel einer lokalen Zeitung* verkündet Nkoloso seine forsche Vision:

We’re going to Mars! With a spacegirl, two cats and a missionary.”

Woher die Idee mit den Katzen kam, ist bis heute nicht geklärt, angeblich brachte die damals fünfzehnjährige Matha Mwama zehn Katzen mit zur Ausbildung. Nkoloso wird sie später zur ersten Afronautin ernennen, die mit einer Art selbstgebauten Katapult auf den Mars geschossen werden soll.

Den Missionar weist Nkoloso an, die Bewohner des Mars nicht zwangsweise zu konvertieren, sollten sie sich dem Christentum verweigern.

Die UNESCO bewilligte den Kredit nicht. Dann wird auch noch die minderjährige Afronautin Mwama schwanger, ihre Eltern holen sie zurück nach Hause. Nkoloso klagt:

They won’t concentrate on space flight; there’s too much love-making when they should be studying the moon.“

Enttäuscht muss Nkoloso sein ehrgeiziges Programm aufgeben. Er wird Führungsmitglied im Jugendverband der Regierungspartei UNIP (United National Independence Party) und engagiert sich im Liberation Center, einer Netzwerkinstitution einiger wichtiger Freiheitsbewegungen im südlichen Afrika (u.a. SWAPO, ANC, ZAPU, FRELIMO).

Fiktives Archivmaterial

Ein halbes Jahrhundert später hat sich die spanische Fotografin und Fotojournalistin Cristina de Middel dieser wundersamen Geschichte angenommen. Für ihren fiktiven Bildband „The Afronauts“ stellte sie Szenen aus Nkolosos Raumfahrtprogramm nach. In de Middels Fotos posieren die Afronauts vor rostigen Raumkapseln und skurrilen Geräten, die an jene auf dem einstigen Trainingsgelände bei Lusaka erinnern, sie sehen ausgelaugtes Leben aus dem All, Marselefanten streicheln sie mit ihrem Rüssel.

Mit ihren Fotos erzählt Cristina de Middel eine magisch-reale Geschichte. Wenngleich sich in ihrem Band nur einige wenige Originalaufnahmen finden, erinnern de Middels Fotos mit den ansprechenden Bildbeschriftungen an „echtes“ Archivmaterial.

Tatsächlich aber ist kein einziges von de Middels Fotos in Sambia entstanden. Die meisten Aufnahmen wurden in Spanien gemacht, zum Teil aber auch in Italien, Palästina und den USA.

„The Afronauts“ ist de Middels eigene Science Fiction-Nacherzählung, inspiriert von erhaltenen Filmaufnahmen, bebildert mit Szenen aus der persönlichen Vorstellung der Fotografin. Die in London lebende Künstlerin über ihr eigenverlegtes Werk:

I respect the basis of the truth but allow myself to break the rules of veracity trying to push the audience into analyzing the patterns of the stories we consume as real. ‘The Afronauts’ is based on the documentation of an impossible dream that only lives in the pictures.”

Der von Ramón Pezzarini auf verschiedenen Papierarten entworfene und mit fiktiven Briefen gespickte Bildband spielt gekonnt das Unerwartete – ein Raumfahrtprogramm in Sambia – gegen stereotype Assoziationen aus. Cristina de Middel drückt das so aus:

We are most of the time given a post-colonial and condescending portrait of Africa and I wanted to show that while we may not share the same level of technology, we do share dreams.”

Die Geschichte fasziniert vor allem, weil niemand glaubt, ein afrikanisches Land könne je den Mond erreichen. Cristina de Middels Fotos verbergen eine subtile Kritik an weit verbreiteten Zweifeln gegenüber einem ganzen Kontinent.

* Es ist unklar, in welcher Zeitung Nkolosos Artikel erschien. In der Lusaka Times und auf mehreren Blogs erschien eine Kopie.

The Afronauts by Cristina De Middel from DEVELOP Tube on Vimeo.

Erschienen auf eufrika.org

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