Darf ich das schön finden?

Die Île de Gorée gehört zum Pflichtprogramm jeder Senegal-Reise. Der Autor besuchte die Insel, auf der sich die Spuren Jahrhunderte langer Versklavung finden. Ein Erinnern an das Grauen fiel ihm schwer, sodass letzlich vor allem Fragen und Widersprüche blieben.

Lediglich ein überschaubares Stück Atlantik trennt die Île de Gorée vom Hafen Dakars. Die Unterschiede jedoch könnten größer kaum sein. Auf dem Festland bestimmen die Hupen der Taxis und das emsige Treiben der Straßenhändler die Szenerie. Zwischen verglasten Bürokomplexen und wuchtigen Betonbauten aus den 70ern vermengen sich Geschäftsleute und Straßenkinder. Über Senegals Millionenmetropole hängt der Smog.

Auf der Île de Gorée hingegen schmiegen sich verwinkelte Häuschen an kopfsteingepflasterte Wege, die in gemächlichen Schleifen die einzige Erhebung des winzigen Eilands umschlingen. Die rau verputzten Wände der Kolonialbauten werden in der Mittagshitze gebacken, wodurch ihre verschiedenen Ockertöne, das von der Sonne verblasste Rostrot und das Marineblau nur noch wärmer leuchten. Katzen dösen im Schatten und in den Hinterhöfen gedeiht prächtiger Hibiskus. Kein Wunder, dass der Reiseführer die Île de Gorée für ihre „paradiesische Ruhe“ preist und die Insel als das Highlight in der Umgebung Dakars anführt. Doch hinter der aufwendig restaurierten Fassade dieses vermeintlichen Idylls schlummern Jahrhunderte des Grauens. Die Île de Gorée war einer von dutzenden Umschlagplätzen an der Küste Westafrikas, an denen Menschenhändler_innen ihre versklavte Beute aus dem Inneren des Kontinents sammelten.

Natürlich hatte ich davon gelesen, bevor ich mich mit der Fähre an diesen Ort begab. Zunächst einmal tue ich es aber den anderen (vorwiegend weißen) Touris auf dem Oberdeck des Schiffs gleich und schieße ein Foto vom Hafenpanorama Gorées. Klasse Motiv, so sieht der Urlaub im Fotoalbum beeindruckend gut aus. Angekommen, fällt es wegen der allgemeinen Urlaubslaune schwer, dem Ort und seiner Geschichte Tribut zu zollen. Die Insel ist zwar beschaulicher als das hektische Dakar. Aber überall schwärmen andere Touris umher, sie unterhalten sich über Alltägliches, die Hitze, das Abendessen im Hotel. In der kleinen Bucht am Fähranleger genießen die Kinder aus dem Dorf ihre Schulferien neben übergewichtigen Rentnerinnen in unvorteilhafter Bademode. Drumherum hat sich die übliche touristische Verwertungsindustrie mit ihren Cocktailbars, der Pizzeria, Postkartenständern und kitschigen Armbändchen angesiedelt. Das soll also ein Ort des Gedenkens sein, ein in Stein gemeißeltes Mahnmal gegen die Versklavung von Menschen? Wer gedenkt hier wem? Urlaubgelaunte, weiße Touris, die von Schatten zu Schatten flüchten, im Geiste bei den ungezählten Opfern des transatlantischen Versklavtenhandels, die hier einst unter den selben uralten Bäumen zusammengepfercht wurden?

Auf der Anhöhe der Insel ragt jedenfalls das offizielle Mahnmal empor, ein betongegossenes Segel, das „Geist, Stimme und die Symbole Afrikas“ verbildlichen soll. Konzipiert wurde das nichtssagende Teil von – na klar – einem europäischen Architekten. Getreu dem Motto: Was wir verbockt haben, können wir auch am besten selbst wieder vergessen machen. Immerhin hat man von hier oben wie im Reiseführer versprochen einen „beeindruckenden“ Ausblick über die Insel. Die Île de Gorée sieht wieder so schön schnuckelig und unbelastet aus, die frische Briese vom Meer scheint die Geschichte einfach fortzutragen. Darf ich das jetzt schön finden?

Keine Chance der ästhetischen Empfindung, auf in die Maison des Esclaves, das „Haus der Versklavten“. Hier verdichtet sich die Geschichte tausender Versklavter1 aus etlichen Winkeln Westafrikas auf wenigen Quadratmetern. Im unteren Teil des Gebäudes, dort wo früher die Versklavten eingekerkert wurden, gibt es nur einige knapp gehaltene Hinweistafeln: Hier eine Zelle für bis zu zehn männliche Versklavte, dort die Frauen und auch für Kinder gibt es eine gesonderte Unterbringung. Dies ist kein Museum, das Gebäude ist bis auf einige Restaurierungen praktisch unverändert. Fahles Licht fällt durch die Spalten der Holzbohlen, die die Kerker vom oberen Stockwerk trennen. Während die Versklavten in fensterlosen Zellen in ihren eigenen Exkrementen kauerten, genossen ihre Entführer_innen in der darüber liegenden Etage ein Glas Wein oder erlesene „Kolonialwaren“. Wenn den Hausherren danach war, suchten sie sich eine versklavte Konkubine aus, die nach der Benutzung (lies: Vergewaltigung) wieder zu ihren Leidensgenossinnen hinabgestoßen wurde (In anderen Forts an der westafrikanischen Küste gab es zu diesem Zweck sogar eine Falltür im Schlafzimmer der Versklavtenhalter).

Wer sich gegen die Gefangenschaft auflehnte, wurde mit drakonischen Strafen belegt, Peitschenhiebe waren an der Tagesordnung. Für Aufständische gab es eine winzige Kammer für die mehrtätige Isolationshaft in stockfinsteren, hüfthohen Verliesen. Manchmal hockten auf diese Weise gefoltert bis zu zehn Menschen auf weniger als drei Quadratmetern. In meinem Kopf rattern diese erschreckenden Fakten runter, ich hatte mich schließlich in die Geschichte der Insel eingelesen. Manche Fakten erzeugen beim Betreten der Maison des Esclaves Bilder vor dem inneren Auge. Wie eine Schablone legen sie sich über das karge Wesen des Gebäudes und für einen Moment meine ich zu erahnen, was hier geschah. Die Opfer bleiben trotzdem seltsam weit weg. Stattdessen der naheliegende Gedanke an die Täter_innen, hier ist die Geschichte sauber, rational und chronologisch aufbereitet: Die Île de Gorée wurde ab 1444 im Wechsel von Portugal, England, den Niederlanden, Brandenburg und Schweden beansprucht und diente unzähligen Händler_innen als Zwischenlager für ihre Waren – darunter vor allem die Versklavten.

Die Insel war dennoch ein vergleichsweise unbedeutender Ort, gemessen an den ungezählten Millionen von Verschleppten insgesamt und den größeren Versklavtenlagern an den Flüssmündungen wie etwa in St. Louis. Die Maison des Esclaves selbst soll von einem Geschäftsmann gebaut worden sein (der möglicherweise am Handel mit Menschen verdiente) und auch wenn er “nur einige Hausangestellte” in den Kerkern beherbergt haben sollte ist das Gebäude spätestens seit der Serie Roots und anderer (pop)kultureller Widmungen ein Symbol der Erinnerung an das über Jahrhunderte gewachsene System der Versklavung.2 Ich schweife ab, verliere mich in unlauteren Zahlenketten, an deren Anfang tausende Versklavte stehen, daneben tauchen aktuelle Schätzwerte in zehnfacher Millionenhöhe auf. Jede konservative Schätzung ist Untertreibung und Anmaßung, jedes Zählen zugleich aber auch ein Abstrahieren des persönlichen Schicksals der Betroffenen. So werden aus Menschen Zahlen.

Die Versklavten wurden in ihrem elendigen Dasein am Limit des Menschenmöglichen gehalten. Ihre Verschleppung und der beschwerliche Weg aus ihrer Heimat im Inland hatten bei vielen Versklavten sichtlich an der Substanz gezehrt. Ein Körpergewicht von sechzig Kilogramm erschien den Kolonisator_innen auf der Île de Gorée angemessen, damit die Versklavten den oft wochenlangen Abtransport zu den Plantagen der Amerikas überstehen würden. Die Sterberate unter Deck der Transportschiffe war dennoch enorm. Bevor die Versklavten jedoch in die dunklen Schiffsbäuche verladen wurden, übertraten sie die Schwelle der „Tür ohne Widerkehr“, der door of no return. Auch in der Maison des Esclaves gibt es diese symbolische Pforte zum offenen Ozean, wenngleich hier keine Schiffe direkt anlandeten. Ich beobachte, wie sich ein weißes Touripärchen in dieser Schicksalspforte fotografieren lässt. Während die drei Sprösslinge sichtlich gelangweilt im Eingangsportal warten, lassen sich die Eltern bestens gelaunt in einer dieser Schleusen ablichten, die für ungezählte Versklavte den Eingang zu einer unmenschlichen Knechtschaft in der Ferne bedeuteten. Das Motiv scheint beliebt zu sein, auch ein junges schwarzes Pärchen posiert lächelnd für die Kamera.

Die Maison des Esclaves mit der door of no return im Hintergrund - © Robin Taylor

Ich habe genug gesehen, will weg von diesem Ort. Keine zehn Meter vom Ausgang der Maison des Esclaves entfernt prangt das Schild eines Hotels. Wer macht hier Urlaub? Tatsächlich ist die Île de Gorée heute Zweitwohnsitz und Wochenenddomizil reicher Dakarois und europäischer Expats. Wie wäre es mit Camping in Auschwitz? Bei der ganzen Asche würden die Schrebergärten sicherlich ebenso sprießen, wie der Massentourismus vor der sonnenverwöhnten Küste Dakars.

Ich muss an die „Deutschlandsafari“ von Hamed Abdel-Samad und Henryk M. Broder denken. Nach ihrem Besuch in Auschwitz sitzen Broder und Abdel-Samad in der Kantine der Gedenkstätte und diskutieren über Wert und Aufrichtigkeit des Erinnerns. Berufszyniker Broder, dessen Eltern Konzentrationslager überlebten, erregt sich über die seines Erachtens „geheuchelte und verlogene“ Anteilnahme vieler Ausschwitz-Besucher_innen. Beim Spaziergang siniert Broder über die Erinnerungskultur an den Holocaust: “Die toten Juden in Deutschland sind prima integriert, mit den Lebenden, da kann es noch ein wenig haken.” Abdel-Samad fragt nach, was das Problem mit den lebenden Juden in Deutschland sei. “Dass sie eben noch leben. Sie stören, sie erinnern. Man kann schlecht an einem Juden, der noch lebt, einen Kranz niederlegen.” Und dann platzt es aus ihm auf dem Hof des Konzentrationslagers hinaus: „Das sollte man wenigstens jetzt bomben, wenn es damals schon nicht gemacht wurde. […] Am Ende ist es eine gruselige Sensation.“

Ich frage mich, welchen Erinnerungswert die Île de Gorée in ihrer heutigen Form hat. Immerhin leben heute etwa tausend Menschen dauerhaft auf der Insel. Nimmt diese Normalität dem Ort etwas von seiner belastenden Geschichte? Und ist das gut? Ist die Insel zu belebt für meine von der gespenstischen Leere in ehemaligen Konzentrationslagern geprägten Erwartungshaltung? Stört das freie Leben der Menschen von Gorée die historische Projektion im Kopf, wie der lebende Jude, der keinen Kranz tragen will sondern einfach nur störender Teil der Lebenswirklichkeit ist? Lieber ein UNESCO-Weltkulturerbe, von störenden Erinnerungsmenschen befreit. Wir könnten stattdessen noch ein Mahnmal bauen.

Wo sollten die Grenzen eines solchen Erinnerungs-Freizeitparks verlaufen? Die Île de Gorée ist eine Insel. Wie groß müsste der Radius des respektvollen Erinnerns um ein Konzentrationslager oder ein Massengrab sein? Besucher_innen könnten endlich die falsche Gedenkmine absetzen, die anderen könnten ohne böse Blicke von überempfindlichen Beobachter_innen wie mir ihr Eis schlecken und die historischen Einblicke würden wir am Ausgang abgeben, bevor es drüben Pommes gibt.

Der Reiseführer3 jedenfalls empfiehlt zwecks Erinnerungskultur, dass den „Mythos Gorée“ noch am ehesten erahnen kann,

wer sich eines dieser spartanisch eingerichteten Zimmer nimmt und die Abfahrt der letzten Fähre abwartet. Wenn das Heer der Touristen, Souvenirhändler und Schlepper in Richtung Dakar entschwunden ist, kehrt Ruhe ein, und die Insel gehört wieder den knapp tausend Bewohnern Gorées, von denen sich nicht wenige in den Häusern der Sklavenhändler eingerichtet haben. In den spärlich beleuchteten Gassen vernimmt man Stimmengemurmel, das Weinen eines Kindes, verwehte Musikfetzen und von Ferne das Rauschen des Ozeans. Und manchmal das Klappern von Töpfen, das an klirrende Ketten erinnert.“

Ist das nicht romantisch?!

La traite des esclaves (ca. 1833) von François-Auguste Biard zeigt die Versklavung an der westafrikanischen Küste.

1 Der Begriff Versklavung betont, dass kein Mensch “von Natur aus” Sklave oder Sklavin ist, sondern von anderen versklavt wird. Die Überlegung entsprang den postcolonial studies und hat im englisch,- spanisch- und französischsprachigen Raum bereits Anklang gefunden.

2. Siehe: Goree and the Atlantic Slave Trade, unbedigt inklusive der anschließenden Kommentare lesen. Außerdem: James Searing: West African Slavery & Atlantic Commerce – The Senegal River Valley, 1700-1860 (1993), ch. 4., “Merchants & Slaves: Slavery on Saint Louis & Goree”.

3. Senegal, Gambia und Guinea-Bissau (Ausgabe 2013) von Thomas Baur aus dem Reise Know-How Verlag (Bielefeld) ist der einzige deutschsprachige Reiseführer zu diesen drei Ländern; allerdings quirlt das Buch vor Reproduktionen rassistischer Stereotype, Exotisierungen und westlicher Überheblichkeit nur so über.

Erschienen auf eufrika.org